Von Verzweiflung zu Heilkunst: Der Ursprung der Osteopathie

Ursprung Osteopathie - Andrew Taylor Still entwickelte die Osteopathie nach einer Familientragoedie

Es gibt Geschichten, die klingen zu groß, zu dramatisch, zu filmreif – und sind trotzdem wahr. Die Geschichte hinter der Osteopathie ist eine davon. Sie spielt im mittleren Westen der USA, zu Zeiten des Bürgerkrieges. Andrew Taylor Still (1828-1917) ist der eher unfreiwillige Hauptdarsteller. Denn: Wer, bitteschön, möchte schon in der Medizingeschichte mitspielen?!

Die Familientragödie und die besondere Einsicht, die hinter der Entwicklung der Osteopathie steht, war selbst mir nicht so detailliert bekannt. Dabei führe ich seit 2010 die Praxis für Osteopathie, Körperpsychotherapie und Coaching in Berlin. Während ich einen Vortrag vorbereitete, fragte ich mich: Wie ist nun wirklich die Osteopathie entstanden? Deshalb sprach ich mit einem der wenigen deutschen Experten, der Originalquellen aus Kirksville, Missouri, ausgewertet hat. Christian Hartmann vom Fachverlag Jolandos.

Video über den Ursprung der Osteopathie

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Familientragödie als Antrieb zur medizinischen Wahrheitssuche

Der Alltag von Andrew Taylor Still wäre auch ohne den amerikanischen Bürgerkrieg schwierig genug gewesen. Die Menschen lebten unter harten Bedingungen. Frauen gebaren im Schnitt acht Kinder, die Hälfte davon Fehl- oder Todgeburten. Immer wieder gab es Indianerüberfälle.

Stills Vater war methodistischer Wanderprediger, Farmer und Landarzt. Er setzte sich für die Befreiung von Sklaven ein.

Stills Ehefrau Mary Margaret Vaughan hatte mit ihm 5 Kinder, 3 davon überlebten das erste Lebensjahr. Ein weiteres Kind wurde adoptiert. Nach zehn Jahren Ehe starb Mary, an Erschöpfung. Andrew Taylor Still heiratete ein Jahr später, 1860, erneut. Mary Elvira Turner. Ein Jahr später begann der amerikanische Bürgerkrieg. Die hygienischen Umstände waren katastrophal. Seuchen zogen durchs Land. Eine davon war bakterielle Meningitis. 1864 erkrankten 2 seiner Kinder und das Adoptivkind daran. Still rief zwei Ärzte und einen Priester. Sie taten ihr Bestes. Es half nicht. Alle drei Kinder starben. Andrew Taylor Still war untröstlich.

Denn in diesem Moment brach nicht nur sein Vertrauen in die damalige Medizin zusammen – es brach auch seine Familie auseinander. Seine älteste Tochter, 16 Jahre alt, gab ihm die Schuld am Tod ihrer Brüder. Ihre Mutter war ja bereits tot. Jetzt auch die Geschwister. Sie kehrte nie zurück.

Ursprung der Osteopathie: Verstehen wollen

Still stand vor den Trümmern seiner Welt. Er glaubte doch an die Vollkommenheit der Schöpfung… Er stellte sich eine einzige, alles entscheidende Frage: Wenn die Schöpfung wirklich vollkommen ist – warum passiert das? Seine Antwort war nicht Verzweiflung, sondern Demut: Ich verstehe etwas noch nicht. Aus diesem Nicht-Verstehen entstand die Osteopathie.

Er hatte selbst bereits als Laienarzt gearbeitet. Zu seiner Zeit war die sogenannte heroische Medizin, die mit Aderlass, Brechmitteln und anderen ausgesprochen giftigen Medikamenten arbeitete, Mainstream.

Andrew Taylor Still vertiefte sich über 10 Jahre in Anatomie, Physiologie, das Knochensetzen der Indianer und alternative Heilmethoden, die aus Europa überschwappten. Währenddessen arbeitete er als klassischer Frontier-Arzt, zugleich auch als Farmer und Jäger. Er war zeitweise Armee‑Sanitätsoffizier im Bürgerkrieg, sogar chirurgisch tätig. Und, nicht zuletzt, Abgeordneter im Territorium Kansas.

Zehn Jahre später war es dann soweit:

Der Ursprung der Osteopathie Kirksville Missouri Landschaft Eingebung von Andrew Taylor Still 1874

22. Juni 1874 – ein Geburtstag, über den Still selbst nie schrieb

Der 22. Juni 1874 gilt als Geburtstag der Osteopathie. Doch was genau an diesem Tag geschah, bleibt bis heute bemerkenswert unklar. Denn: Still selbst schreibt in seinen Veröffentlichungen nicht darüber.

Christian Hartmann hat in Kirksville zwei unveröffentlichte Originalquellen aus jener Zeit gesichtet. Eine davon ist der Entwurf einer Biografie, die Priscilla Brown in den 1920er Jahren recherchierte – und deren gesamtes Manuskript sie später in einer psychischen Krise verbrannte. Was blieb, sind Notizen. Darunter die Beschreibung, dass Still morgens über ein Maisfeld lief, als ihn eine Art Eingebung traf. So stark, dass er auf die Knie sank, das Rückgrat heiß wurde – und er in diesem Moment alle Zusammenhänge von Gesundheit und Krankheit zu verstehen glaubte.

Eine zweite, spekulativere Quelle berichtet von drei altägyptischen Heilern, die ihm erschienen und fragten, ob er wirklich den Weg einer besseren Medizin gehen wolle.

Klingt nach Mystik? Ja. Und genau deshalb äußerte sich Still dazu öffentlich kaum – bewusst.

Warum ein rationaler Wissenschaftler gerne auch schwieg

Still war kein Mystiker. Er war, wie Hartmann es formuliert, ein Wissenschaftler ohne akademische Umgebung – methodisch, empirisch, äußerst kritisch. Denn Kirksville, im Mittleren Westen Amerikas, war zu dieser Zeit ein Zentrum der metaphysischen Bewegung. Die sogenannte Klopfgeisterbewegung hatte Tausende von Scharlatanen hervorgebracht, die Menschen mit spirituellen Versprechen ausnahmen.

Still kannte diese Gefahr. Für ihn war Vernunft das höchste Instrument des Menschen. Transzendente Erlebnisse – die er durchaus hatte und privat auch verzeichnete – behielt er für sich. Er stand frühmorgens um vier Uhr auf, ging in die Wälder, konsultierte nach Überlieferungen ein indianisches Medium namens Mataha in schwierigen Fällen. Doch in seinen Schriften zur Osteopathie? Zog er, die ihm oft unterstellte Hellsichtigkeit und Hellhörigkeit, eher ins Ironische. Seine Botschaft: Leute, darum geht es hier nicht.

Sein Anspruch war stets: Was ich tue, muss ich rational verstehen. Es muss vernünftig und nachvollziehbar sein. Sonst kann ich die Information nicht weitergeben.

Maschine und Seele – kein Widerspruch

Andrew Taylor Still - Pionier der Osteopathie - auf Fahrrad

Ein häufiges Missverständnis über Still: Er nannte den menschlichen Körper eine Maschine und wird deshalb oft in eine rein mechanistische Ecke gedrängt. Doch das greift zu kurz.

Hartmann erklärt es so: Im 19. Jahrhundert war „Maschine“ kein kalter Begriff. Eine Glühbirne war nicht einfach eine Glühbirne – sie war Edison. Der Geist des Erfinders war immer Teil des Dings. Still sprach vom Körper als belebter, beseelter Maschine, durchdrungen von der Intelligenz einer höheren Instanz. Er benannte diese Instanz in über 70 verschiedenen Begriffen – doch was ihm wirklich wichtig war: Hinter allen Dingen steckt Ordnung. Und Ordnung lässt sich erkennen.

Still war ein Freimaurer – nicht wegen einer Weltverschwörung, sondern weil die Freimaurerloge im Mittleren Westen die einzige Möglichkeit war, an Bücher zu kommen. Er war neugierig. Schonungslos kritisch. Offen nach allen Seiten.

„Er liegt an den Ufern des Ozeans“, schrieb er selbst. „Die nächsten Generationen werden über diesen Ozean segeln.“

Eine bemerkenswert bescheidene Haltung für jemanden, der eine neue Medizin begründete.

Ursprung Osteopathie – Was die Forschung heute sagt

Stills ganzheitlicher Ansatz – der Körper als Einheit von Struktur, Funktion und Lebensenergie – hat sich in der modernen Forschung als fruchtbar erwiesen. Eine Übersichtsstudie aus dem Jahr 2022, veröffentlicht vom Austrian Institute for Health Technology Assessment (AIHTA), bestätigte die Wirksamkeit osteopathischer Behandlungen bei Nacken- und Kreuzschmerzen sowie bei Schulter- und Fußbeschwerden. Die Forscher attestierten der Osteopathie zudem eine hohe Sicherheit: Nennenswerte Nebenwirkungen wurden kaum berichtet. (Quelle: AIHTA, 2022)

Darüber hinaus erschien 2023 im BMJ Open ein Studienprotokoll, das erstmals systematisch untersucht, ob osteopathische Interventionen auch leichte bis mittelschwere psychische Beschwerden wie Angst und Depression positiv beeinflussen können. Die Hypothese der Forscher: Osteopathie beeinflusst psychophysiologische Faktoren – und könnte damit genau dort ansetzen, wo Körper und Seele ineinandergreifen. (Quelle: Hope-Bell et al., BMJ Open, 2023)

Genau das, was Still Zeit seines Lebens beschrieb: dass Körper, Geist und Seele keine getrennten Einheiten sind.

Andrew Taylor Still - der Pionier der Osteopathie - bei der Schulung von von Krankenschwestern
Die American School of Osteopathy zählte zu den ersten medizinischen Fakultäten, an denen Frauen gleichberechtigt studieren durften. Andrew Taylor Still war voller Lob über ihre Kompetenzen.

Transzendenz lässt sich nicht weitergeben – Wissen schon

Hartmann erklärt auch, warum Still in Bezug auf Transzendenz nicht laut wurde: Transzendente Erlebnisse sind radikal intim. Sie lassen sich nicht lehren, nicht übergeben, nicht replizieren. Wer behauptet, ein System entwickelt zu haben, das anderen Transzendenz vermittelt, macht sich selbst oder anderen etwas vor.

Das kenne ich aus meiner eigenen Arbeit. Manchmal – vor allem in der craniosacralen osteopathischen Behandlung – vergesse ich die Zeit. Habe das Gefühl, dass sich der Raum öffnet. Ich erzähle das meinen Patientinnen nicht, außer wenn sie selbst davon berichten. Dann kann ich sagen: Ja, ich kenne das auch. Und wir lassen es gemeinsam so stehen.

Still hätte das vermutlich verstanden.

Was von Still bleibt

Ursprung der Osteopathie ist nicht einfach ein genialer Geistesblitz. Osteopathie entstand aus Schmerz. Aus dem Verlust von Kindern. Aus dem Versagen einer Medizin, die damals ihr Bestes gab und doch nicht helfen konnte. Und aus dem Willen eines Mannes, der nicht in Verzweiflung versank, sondern sich immer wieder fragte: Was verstehe ich noch nicht?

Wenn ich heute mit meinen Patient:innen arbeite – oft mit solchen, die körperliche und seelische Beschwerden mit sich tragen, die schwer zu greifen und noch schwerer zu diagnostizieren sind – dann denke ich manchmal an Still. An seinen Mut zur Demut. Und an die Überzeugung, dass hinter jedem Symptom eine Ordnung steckt, die wir noch nicht ganz verstehen. Und vielleicht auch nie verstehen werden.

Das ist Osteopathie. Das ist ganzheitliche Arbeit. Und das ist der Grund, warum ich nach über 16 Jahren Osteopathie immer noch fasziniert bin.

Du möchtest mehr über Osteopathie erfahren? Dann schau auch auf meinem YouTube-Kanal „Entspannter leistungsfähig mit Susanne Hake“ vorbei.

Und wenn du das Gefühl hast, dass dein Körper dir gerade etwas sagen will, das du noch nicht ganz verstehst: Vereinbare einen Ersttermin für Osteopathie in meiner Praxis in Berlin Steglitz-Zehlendorf im Stadtteil Lichterfelde mit mir. Wir schauen gemeinsam, was möglich ist.

Susanne Hake, Master of Fine Arts, ist Mitglied im Verband der Osteopathen Deutschland (VOD). Sie führt die Praxis für Osteopathie, Körperpsychotherapie und Coaching in Berlin seit 2010 als Heilpraktikerin.

Susanne Hake

Praxis für Osteopathie,

Körperpsychotherapie

und Coaching

Susanne-Hake-Kopf-und-Torso-vor-Himmel-als-Hintergrund

Foto: dpa.com/Silas.Stein

Entspannter leistungsfähig:

Das könnte dich auch interessieren