Ablenkung – Der dramaturgische Sog eines Prozesses

von | 29. August 2022

Tierischer Verdacht - geschmuggelt werden und Bett beschmutzen

Es gibt scheinbar immer gute Gründe, sich abzulenken: Angeblich 500 Millionen Menschen weltweit teilten sich noch vor einigen Monaten eine Ablenkung. Sie beschäftigten sich mit etwas, dass sie überhaupt nichts anging. An dem sie nichts ändern konnten. Ein live übertragener Prozess, dessen Ausgang komplett außerhalb ihres eigenen Einflussbereichs lag.

Doch merkwürdigerweise: Für viele, die sich darauf einliessen, fühlte es sich an wie eine Investition. Anders als Promi-Watching und Sex&Crime.

L’éducation sentimentale und der öffentlich-normative Gegenwind

Dass die meisten Vertreter:innen der deutschen Presse – und auch viele der US-amerikanischen – offenbar die Prozessbeobachtung (und sei es nur als Stream) mieden, irritierte. Um so mehr informierten sich die Interessierten in den sozialen Medien. Oder versuchten es zumindest. YouTube, TikTok und Twitter profitierten. Vermutlich auf lange Sicht.

Was genau zog nun die Zuschauer:innen in den Bann?

War es der Charakter des Klägers? Am besten wir testen: Entspricht er den vier (unterschiedlichen) Kriterien, die dazu führen, dass Zuschauer:in sich identifiziert?

  1. Er ist ein guter Mensch (jedenfalls waren sehr viele spätestens ab Mitte des Prozesses dieser Meinung)
  2. Er hat Humor (auch ein bisschen Geschmackssache)
  3. Er ist in Gefahr (jedenfalls wirkt er nicht kerngesund)
  4. Er hat Macht (war einer der anerkanntesten Künstler) und/oder Geld

Der Charakterbogen des Helden/der Held:In

Der Prozess war eine Geschichte, die den wahren Helden und die wahre Held:in zunächst versteckte, mehrere Protagonist:innen hatte.

Aus dem Anti-Held wurde ein nicht-triumphierender, jedoch still glücklicher Gewinner. Und aus einer wie zufällig in den Gerichtssaal geratenen jungen Frau mit Migrationshintergrund wurde die heimliche Superheldin.

Ablenkung: Auf Etsy schon heilig gesprochen
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Ablenkung in der Drei-Akt-Struktur

Denn viele Zuschauer:innen wunderten sich zu Beginn tatsächlich, dass eine junge attraktive Frau gemeinsam mit Kläger und Anwalt des Klägers in dem vom Publikum abgetrennten Teil des Saals erschien. War sie eine Praktikantin? Ein Groupie gar?

Die Exposition der Geschichte hatte Längen. Dass der Kläger behauptete, „die Wahrheit“ sagen zu wollen, „egal wie der Prozess ausgehe“, führte zunächst zu Skepsis. Hatte dem 90-er Jahre-Jugend-Idol denn keiner seiner hochbezahlten Therapeuten vermitteln können, dass jeder in seiner eigenen Welt lebt? Und es so mehr als eine Wahrheit geben könnte? 

Doch statt, dass die Zuschauer:innen ausstiegen, stießen mehr hinzu. 

Die Gegenspielerin – the defendant – hätte einem zunächst leid tun können. Denn sicher ist es nicht immer leicht, eine Beziehung mit einem vielbeschäftigten und multitalentierten Künstler – oder einer solchen Künstlerin – zu führen. Selbst nach der Eheschließung.

Der zweite Akt und die Wendung

Spätestens als die Aufnahmen der Streitigkeiten von Kläger und Beklagter (bzw. Gegenklägerin) abgespielt wurden, wurde das Ausmaß der Negativität klar. Das war definitiv ungesund. Wer wollte sich das freiwillig antun? Oder auch nur zuhören? Sich die Freizeit und die Nachtstunden um die Ohren schlagen, sich gar von der eigenen Arbeit ablenken lassen?

Doch: Wer hier schon ausstieg, verpasste das beste. Denn die weiteren Zeugenvernehmung brachten Licht ins Dunkel: Bei allen Längen, es wurde sowohl klar, wer hier ein paar Kilo mehr Wahrhaftigkeit auf der Seite hatte. Als auch, dass die junge Anwältin Profi war und das Team beispielhaft gut zusammenarbeitete. Bestes Casting, geniales Storytelling. Spannung bis zur Verkündigung des Urteils. Und darüber hinaus:

Johnny Depp als Edward – Illustration gestaltet von Tanatos 330
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Ablenkung durch nicht endenden dritten Akt

Die Jury entschied einstimmig und gab einer Seite mehr Recht als der anderen. Doch anschließend ging die Ablenkung weiter. In den herkömmlichen Medien einerseits und in den sozialen Medien andererseits.

Wem TikTok zu viel war, beschränkte sich auf das leichter zu kontrollierend scheinende Twitter. Es gibt genug Kanäle, die sich juristisch gebildet und unterhaltsam bildend, noch immer mit dem Prozess auseinander setzen.

Ja, es wurde gar Revision eingelegt: Geht der Prozess in Serie?

Und nun zu dem, was mich dazu motivierte, der Story nicht mehr zu folgen. Mich nicht mehr ablenken zu lassen. Mich inspirierte eine Aussage des Klägers. Eine Aussage, die in den Gerichtsakten steht, die im Juli 2022 der Öffentlichkeit per Gerichtsbeschluss zugängig gemacht wurden. Johnny Depp wird von einer Anwältin der Gegenseite befragt (Q) und antwortet (A):

Johnny Depp antwortet im Verhoer zu Twitter

Frage: Haben Sie jemals ge-tweeted?

Antwort: Ich habe niemals in meinem Leben ge-tweeted.

Frage: Haben Sie jemals den Twitter account einer anderen Person genutzt, um die Tweets anderer Leute zu lesen?

Antwort: Nein, gnädige Frau, ich mache das nicht – Ich lese nicht – Ich lese keine Dinge in Zeitungen, ich mache das nicht – Ich mache das nicht – Ich weiß nicht, was Twitter oder Tweeter ist.

Fazit: das Ende der Ablenkung

Danke für Dein diesbezüglich gutes Beispiel, Johnny!

Susanne Hake

Master of Fine Arts, ganzheitliche Kommunikationsberaterin.

Foto: dpa.com/Silas.Stein

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