Eigene Grenzen erkennen und setzen

von | 6. Februar 2021 | Körper und Geist, Psychologie

Eigene Grenzen zu erkennen, ist – gerade für Selbstständige – oft schwer genug. Doch es ist die Bedingung dafür, diese auch anderen gegenüber freundlich durchzusetzen.

Denn hier sind nicht direkt die Grenzen der Kompetenz, des Charakters oder des Geldbeutels gemeint, sondern ganz grundsätzlich: die energetische Grenze. Die Grenze, die den Raum schützt, in dem die Person sich – vergleichsweise – sicher fühlt. Sich selbst spürt und ohne Druck unterscheiden kann, zwischen dem, was in ihrem Interesse ist. Und was nicht. Der Platz, von dem aus nicht einfach reagiert, sondern zielführend geantwortet werden kann.

Proxemik kommt aus der Anthropologie

In der Psychologie gibt es einen Bereich, der sich mit dem Thema persönlicher Raum beschäftigt: Die Proxemik, von lateinisch ‚proximus‘: der Nächste. Hier geht es um Körpersprache, nonverbale Kommunikation und Wirtschaftliches. Zum Beispiel auch darum, bei wie viel ungebetener Nähe am Arbeitsplatz Menschen überhaupt noch produktiv sein können.

Der Begründer der Proxemik, der Anthropologe Edward T.Hall, unterschied jeweils zwischen öffentlicher, sozialer, persönlicher und intimer Distanz.

Er betonte, dass das Raum-Bedürfnis kulturell geprägt ist. Bei uns in Mitteleuropa wird die persönliche Distanz-Zone, vom Mittelpunkt aus, mit einem Radius von 46 bis 122 Zentimetern angegeben.

Persönliche Grenze erkennen und spüren

Über diesen Raum können wir, so der Entwickler der Integrativen Körperpsychotherapie, Dr.Dr.Jack Lee Rosenberg, voll verfügen und uns darin sicher fühlen. Keine Person hat das Recht, diese Grenze ungebeten zu überschreiten. Denn: Nicht unsere Haut ist die Grenze, nicht die Kleidung, sondern dieser unsichtbare Bannkreis um uns herum. Der, den andere Aura nennen. Der, aus dem heraus gespürt wird, ob einen jemand von hinten – und dabei auch oft noch von weit entfernt – anstarrt.

Sich diese Grenze aus dem Unbewussten öfter ins Bewusstsein zu holen, hilft, achtsamer mit der eigenen Energie umzugehen, präsent zu sein.

Übung 1 – Persönliche Grenze konkret machen

Nimm dir ein Stück Schulkreide oder suche dir unter all deinen Wollknäueln die Farbe aus, die du dir für deine Grenze wünschst.

Räume möglichst etwas mindestens 1,5 x 1,5 Meter im Zimmer frei.

Dann setze dich mit Kreide oder Knäuel auf den Fußboden. Nimm dir gerne ein Kissen. Wenn der Schneider- oder Lotussitz nicht dein Ding ist, setz dich auf deine Unterschenkel. Schaue dich um und spüre in den Raum. Wie fühlst du dich innerlich und äußerlich?

Nimm nun die Kreide und zeichne einen möglichst kreisförmigen Raum um dich herum. (Oder lege den mit dem Wollfaden ab) Vielleicht musst du dich dafür etwas von deinem Kissen bewegen. Wie viel Raum brauchst du als persönlichen Raum? Setze dich wieder in die Mitte und spüre nach. Reicht dir das? Probiere noch eine andere Kreisgröße aus. (Die Grenze kann von dir, auch später noch, flexibel gehandhabt werden.) Was ist jetzt anders?

Wenn du möchtest, kannst du dir jetzt noch – ruhig laut – sagen: „Das ist mein Kreis. Und hier darf nur herein, wen ich darum bitte.“

Übung 2 – Persönliche Grenze vorstellen

Gerade nicht so viel Raum vorhanden? Weder Kreide, noch Wolle im Haus? Dann kannst du jetzt gleich die Augen schließen und damit beginnen, dir vorzustellen, dass von oben ein Lichtstrahl auf dich fällt, um dich herum.

Dieses besondere Licht strahlt deinen persönlichen Raum aus, so weit, wie du es möchtest. An der Grenze zwischen diesem Licht und dem Raum wächst jetzt eine Schutzhülle.

Ist sie durchlässig? Oder semipermeabel? Wenn ja, was geht von außen rein, was nicht? Was gibst du – wenn überhaupt – nach außen ab?

Was siehst du und was hörst du?

Sind die Seiten um dich herum nach oben offen, wie ein Tunnel? Oder oben, ab einer bestimmten Höhe, abgedeckt wie ein Dom? Oder eher wie ein Schloss? Oder eine Hütte?

Was fühlt sich besser an?

Brauchst du noch etwas oder jemanden innerhalb deines Raumes, um dich sicherer zu fühlen?

Fazit: Eigene Grenzen erkennen und flexibel halten

Dass deine unsichtbaren Grenzen nicht starr sind wie Mauern, macht sie auch mobiler. Einmal bewusst gemacht, hast du deine Kreide, deine Wolle – und natürlich deinen vorgestellten sicheren Raum – auf Abruf überall bei dir. Ob in einer Verhandlungssituation, auf der Vortragsbühne oder scheinbar unter Druck: Hier, innerhalb der eigenen bewusst gemachten Grenzen, liegt der Raum zur Macht der Wahl deiner Reaktion. Nutze ihn für deine Entwicklung, für dein Wachstum und deine Freiheit.

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Susanne Hake

Master of Fine Arts, ganzheitliche Kommunikationsberaterin.

Foto: dpa.com/Silas.Stein

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