Heldenreise zur Teamentwicklung – das zweischneidige Schwert

von | 7. Oktober 2021

Heldenreise als Modell Teamentwicklung Frau mit Schwert

Welche entscheidende Prüfung, gab es für dich in den letzten Wochen? Du hast den Führerschein schon ein paar Jahre? Gut so. Ich beziehe mich hier auf das Modell der Heldenreise nach Christopher Vogler. In dem ist ‚entscheidende Prüfung‘ eine wichtige Station in der Mitte des zweiten Akts.

Aus meinem Berufsleben qualifizierte sich vor ein paar Wochen diese Situation dafür: Ich wurde aufgefordert, mehrere 90-minütige Kurz-Workshops hintereinander durchzuführen. Ziel: dass die jeweils 25 – 50 Teilnehmenden, die sich noch nicht kannten, kennenlernen. Möglichst schneller, tiefer und weiter als noch vor 18 Monaten üblich. Damit diese Kontakte möglichst auch vom mutmaßlich wieder drohenden Home-Office aus sinnvoll fortgeführt werden können. Geht so etwas? 

Was ich lehren will, ist: Von einem nicht offenkundigen Unsinn zu einem offenkundigen übergehen.

Ludwig Wittgenstein

Lösungsfokus auf Synergie der Methoden

Wenn ich in den letzten Jahren bei Gruppen auf eine Technik setzte, dann war es Solution Focus Coaching (nach Steve de Shazer). Doch diesmal wollte ich, in der Kürze der Zeit, eben ein weiteres Modell hinzufügen.

Was ist die Heldenreise?

Das Modell der Heldenreise ist ein Modell, das ursprünglich von dem Mythologie-Professor Joseph Campbell in ‚Der Heros in tausend Gestalten’ (Original: The Hero with a thousand faces, erschienen 1949) entdeckt und erforscht wurde. Christopher Vogler, damals in den 1970-er Jahren Angestellter bei Disney, entwickelte Campbell’s Einsichten zu einer Art Blaupause für Drehbuchschreibende. Vermutlich hätte sich Campbell, der den Monomythos eben nicht als eine Art Malen nach Zahlen sah, nun ja: gewundert. Doch die insgesamt 12 Stationen, die Vogler in seinem detaillierten Modell vorstellt, sind leicht vermittelbar und in der Reihenfolge in vielen bekannten Filmen (von König der Löwen über Star Wars bis Super Man) auch deutlich erkennbar.

Teamentwicklung durch Zuhören und Erzählen

Vogler, inzwischen Professor an der University of Southern California in Los Angeles, sieht die Heldenreise nicht nur dramaturgisch, sondern psychologisch. Als ‚Gang der einzelnen Seele durch das Leben‘. Insofern könnte das Modell durchaus geeignet dafür sein, nicht nur über eigene Filmrezeption, sondern auch individuelle Lebenserfahrung zu sprechen, falls Bedarf dafür besteht. FALLS.

Denn dass private Einblicke, wenn überhaupt, nur freiwillig und bewusst gegeben und nicht zur peinlich-exhibitionistischen Gruppenaktion mit explizierter Wundologie-Expression mutieren, wird vorausgesetzt.

Was zur Heldenreise fehlte: komprimierte Quantenmechanik

Bevor ich die Stationen der Heldenreise als Struktur im Raum vorstellte, appellierte ich an den kritischen Verstand der Teilnehmenden:

  • Ein Modell ist nicht die Wahrheit
  • Jeder Mensch lebt in der eigens von ihm erschaffenen Welt
  • Es gibt nur den Moment
  • Identifikation mit Rollen ist oft nicht hilfreich

Es gilt, das Modell grundsätzlich zu hinterfragen. Nicht nur in der Reihenfolge. Es sich auch zu erlauben, es als völlig einschränkend und unnütz zu betrachten. Oder als maximal dafür geeignet, Inhalt und Ende eines nach diesem Muster geschriebenen 90-Minuten-Film spätestens nach 10 Minuten vorauszusagen. Oder darüber hinaus gar als schädlich, da derartige Überlegungen einen aus dem Hier und Jetzt katapultieren.

Wenn der vor dir liegende Pfad klar ist, bist du vermutlich nicht auf deinem eigenen.

Joseph Campbell
Die Methoden Heldenreise und Solution Focus und Quantenmechanik im Venn-Diagramm

Wie diese Heldenreise zur Prüfung wurde

Wenn zu, sagen wir mal: herausfordernden, Organisationsbedingungen in der Vorbereitung und Durchführung, FFP2-Masken in der Präsenz kommen, wird es schwierig. Schon im ersten Akt. Und der zweite scheint sich zu dehnen. Der wirkliche Vorzug davon, so viele Großgruppen-Workshops hintereinander zu veranstalten: Die Struktur kann direkt vor Ort optimiert werden.

Hatte ich bei den ersten beiden der sechs Kurz-Workshops noch mit dem lösungsfokussierten Ansatz begonnen, änderte ich das ab dem zweiten für den dritten und die folgenden. Denn: die Gruppendiskussion war auch in Minute 87 kaum noch zu stoppen. Und die Lautstärke, wegen Mindestabstand und trotz FFP2-Maske so, dass ich auf eine in der Vergangenheit erworbene Fähigkeit zurückgreifen musste. Aus der bunten Zeit als ich noch bei Spielfilmen Regie führte. „Aszendent Aufnahmeleiter“, wie ein immer noch geschätzter Darsteller damals für sich formulierte. Ich ergriff das Schwert: Ich kann, wenn ich es für nötig halte, vom Zwerchfell gestützt, „RUHE BITTE“ rufen. Funktioniert überraschend gut. Ist mir anschließend jedoch etwas peinlich… Eine echte Prüfung also.

Die optimale Reihenfolge und das Fazit

Der Rahmen wird durch Perlen der Philosophie der komprimierten Quantenmechanik gesetzt. Darauf folgt das Modell der Heldenreise und zum geordneten Abschluss kommt Lösungsfokus ins Spiel.

Wurde das Ziel des Workshops erreicht?

Als ich zwischen zwei Workshops das in kleineren Mengen angefallene Altpapier zum vorgesehenen Behälter trug, hörte ich, neben ein paar Mal „Danke“, folgenden Konversationsbrocken zwischen zwei gerade teilgenommen habenden Personen: „Ach…, bist du dann noch Schütze oder schon Steinbock?“

Die nächste Welle soll bitte trotzdem nicht kommen.

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Susanne Hake

Master of Fine Arts, ganzheitliche Kommunikationsberaterin.

Foto: dpa.com/Silas.Stein

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